Am Sprinter-Transporter klebt ein Zettel: »Bitte nicht aufmachen!« und diese Nachricht ist Programm. Freitag vor Pfingsten laden wir die letzten Gepäckstücke in den Bus, während der Sprinter schon am Vortag bis auf die letzte Lücke mit Hilfsgütern aufgefüllt worden ist. Nach dem Mittagessen verteilt sich unser siebenköpfiges Team auf beide Autos. Unser jüngstes Mitglied wird direkt von der Schule abgeholt.
Wenn der Sprinter schlapp zu machen droht
Dann zeigt das Navi sieben Stunden Fahrtzeit an – unser erster Stopp ist Wien. Liebevoll versorgt mit Reiseproviant und einer großen Pumpkanne Kaffee für jedes Auto geht es bei strahlendem Sonnenschein mit viel Musik dahin.
Bald kommt die erste Nachricht: »Betet für den Sprinter - er fährt nur noch gedrosselt.« Timo telefoniert besorgt mit befreundeten Mechanikern und fragt in Rumänien an, ob im Notfall an Pfingstsamstag eine Werkstatt offen hätte. Mühsam schleppt sich unsere Kolonne schließlich bis nach Wien. Bei einem kühlen Getränk wird im benachbarten Biergarten die Lage besprochen. Das Sprinterproblem wäre ein Elektronikproblem, erfahren wir, ein kaputter Kontakt, der ein Problem erkennt, das es nicht gibt.
Nach einer Nacht mit allen sieben Teammitgliedern auf Isomatten und Schlafsäcken, die gerade so in das geräumige Wohnzimmer passen, geht es morgens weiter. Die Fahrerbesetzung wechselt, diesmal übernehmen Fynn und Silas den Sprinter, reichlich optimistisch »das alte Mädchen zum Laufen zu bringen«. Sie taufen ihr Gefährt im Laufe der Reise »Marianne«.
784 Kilometer, etwa neun Stunden und zwei Grenzübergänge weiter kommen wir im rumänischen »Hoffnungshafen« an, unserer zweiten Zwischenstation. Hier laden wir die Hilfsgüter aus dem Sprinter aus. Er hat die Fahrt gut überlebt. Nach viel Gebet und einigen Kilometern verringerte sich auch die beängstigende Zahl an Warnsignalen.
Eine Helfertruppe aus der Nähe von Stuttgart befindet sich ebenfalls vor Ort im Hoffnungshafen. Gemeinsam mit ihnen besuchen wir am Pfingstsonntag den deutschsprachigen Gottesdienst in Hermannstadt. Eine kleine, sehr herzliche Versammlung.
Zupacken in der »Casa Prichindel«
Am Sonntagabend kommen wir schlussendlich an unserem Ziel an – dem Kinderheim der Schweizer Stiftung PeCa in der Nähe von Brasov (deutsch: Kronstadt). Wir werden ungeduldig erwartet. Zwischen enthusiastischen Wiedersehensszenen und neugierigen Neuvorstellungen laden wir unser Gepäck aus und betreten den ehemaligen Siebenbürgerhof, in dem die Kinder eine neue Heimat gefunden haben. Zwei nebeneinanderliegende, langgestreckte Gebäude, von denen von der Straße aus hinter zwei schlichten Fassaden und haushohen Toren nicht viel zu erahnen ist.
Die rumänische Gastfreundschaft ist in den folgenden Tagen unser stetiger Begleiter. Zwischen der Renovierung des Wohnzimmers, das ein übereifriger Jugendlicher großflächig verspachtelt hat, obwohl er nur Löcher zu machen sollte, einer Bastelaktion an den örtlichen Fahrrädern und dem Herrichten des Gartens werden wir mit reichlich Kaffee und Kuchen versorgt.
Sonja Kunz, Gründerin des Projektes, freut sich sichtlich über alles, was wir renovieren und bearbeiten, wie z.B. die alten Holzfenster, denen ein neuer Anstrich guttut. Sie hat das Haus einst gegründet, um Kindern eine Heimat zu bieten, um die sich sonst niemand kümmert. Jetzt in vorgerücktem Alter zieht Sonja sich nicht zurück in ihre ursprüngliche Heimat in der Schweiz, sondern hat sich ein Haus in der Nähe des Kinderheims gekauft.
Aktiv gegen Not und Heimatlosigkeit
Dorthin lädt sie uns am Mittwoch zum Grillen ein und berichtet dabei aus den ersten Jahren nach der Wende in Rumänien, in denen sie als Rotkreuzhelferin ins Land gekommen war. Das unvorstellbare Leid zurückgelassener Kinder in dem von Misswirtschaft und einer jahrzehntelangen Diktatur gebeutelten Land, hatte sie damals nicht mehr losgelassen.
So veränderte sie z.B. das Leben von Ionel, den Sonja mit zwei Jahren »als Skelett«, wie sie sagt, aus dem Krankenhaus mitgenommen hatte. Durch unzählige Wunder und helfende Hände lebt inzwischen schon die dritte Generation von Kindern im Kinderheim und kann hier eine behütete Kindheit erfahren.
Am Abend machen wir als Team eine gemeinsame Austauschrunde zum Ritual, um Highlights zu sammeln oder Anliegen loszuwerden, die in einer engen Gemeinschaft wichtig sind.
Am letzten Tag fahren wir gemeinsam mit den Kindern und einer Mitarbeiterin, in ein Bergtal. Während ein Teil von uns am sprudelnden Bach auf der Wiese bleibt, geht es für andere hoch hinaus. Von der Baumgrenze hält sie nur die Zeit ab.
Nach einer sehr aktiven und eindrücklichen Woche folgen der Abschied, und eine sehr warme Heimfahrt. Unser letztes Camp schlagen wir nahe der deutschen Grenze auf. Hier setzen wir uns zu einer letzte Fazitrunde zusammen, bevor es am Montag ins Kloster zurück geht.
Diesen Einsatz werden wir alle nie mehr vergessen.
Informationen zu Land und Projekten
Rumänien
Ein Land der Gegensätze, nah an Sprache und Kultur Deutschlands und doch wieder sehr weit weg. Während viele Rumänen entweder als deutsche Minderheit (Siebenbürger Sachsen), durch eine Anstellung in Deutschland oder durch Familienmitglieder gut deutsch sprechen, ist auch rumänisch eine Sprache, die auf Latein basiert und klingt wie ein italienischer Dialekt mit russischen und deutschen Wörtern. Die Langzeitfolgen des sehr gewaltsamen kommunistischen Regimes unter Nicolae Ceausescu von 1965-1989 sind bis heute in allen Lebensbereichen noch zu spüren. Die Lebenshaltungskosten des Landes entsprechen denen in Deutschland, während die Löhne nur ein Drittel so hoch ausfallen wie bei uns. Deshalb müssen viele Rumänen Saisonarbeiten außer Landes ausüben, um ihre Familien versorgen zu können.
Hoffnungshafen in Cristian bei Sibiu (Hermannstadt)
Der Hoffnungshafen ist ein Projekt des Vereins »Philadelphia«, das Menschen eine Anlaufstelle bietet, die durch einen Entzug oder einen Gefängnisaufenthalt Schwierigkeiten haben, Anschluss in der Gesellschaft zu finden. Das Gelände umfasst Seen, ein neugebautes Gästehaus, allerlei Tiere und einen herrlichen Blick auf die Berge in der Ferne. Aktuell wird ein Hauselternpaar gesucht.
PeCa – Heim für verlassene Kinder (bei Brasov)
Eins der Häuser, das sogenannte »Casa Prichindel« beherbergt etwa 18 Kinder in zwei Wohngruppen mit eigener Küche. Das angrenzende »Casa Salix« beherbergt eine Pflegemutter mit sechs Kindern und bietet Platz für freiwillige Helfer wie den aktuellen Jahresvolontär Felix aus Dresden oder uns. Ein drittes Haus mit etwa sechs Kindern, das »Casa Livezi«, ein paar Straßen weiter im Ort, bietet einer weiteren Kindergruppe und einer Schneiderei Platz.
